Die Work-Life-Balance ist tot.

Und nun?

Die Work-Life-Balance ist tot.

Und nun?

Warum wir Wissensarbeit nicht mehr als Gleichgewicht aus Arbeit und Freizeit verstehen sollten und was das für uns praktisch heißt.

Stephan Pfob & Benjamin Dageroth

4 min Lesezeit

Die Balance von Freizeit und Erwerbsarbeit ist eine Illusion und darf kein Ideal mehr sein. Um auch in Zukunft produktiv und erfüllt zu sein, brauchen wir eine neue Arbeit, die dieser Einsicht entspricht. – Warum ist das so und was folgt für uns daraus?

 

Das Konzept der Work-Life-Balance ist veraltet, da es auf der Vorstellung getrennter Sphären beruht: einer Tätigkeit, mit der man seinen Unterhalt verdient, und dem Rest des Tages, der sogenannten Freizeit [1]. Für Wissensarbeiter sind diese Sphären heute nicht mehr zu trennen wie vielleicht noch vor zwanzig Jahren. Das hat einen technologischen und einen psychologischen Grund:

 

Zum Arbeiten brauchen wir heute meist nur noch zwei Dinge: unseren Kopf und einen Computer. Die Digitalisierung hat uns radikal flexibilisiert – arbeiten können wir praktisch überall. Dadurch erhöht sich nicht nur Erreichbarkeit, die Stress erzeugt und in vielen Unternehmen bereits einschränkt wird; zudem verstärkt die neue Technik die Neigung unseres Hirns, nach Feierabend weiterzudenken. Wir schalten nicht mehr ab. Verschärft wird dies durch die besondere Natur der Tätigkeiten, die Wissensarbeiter ausführen:

Schematische versus kreative Arbeit

 

Knowledge Worker leisten einerseits schematische Arbeit – also solche, die bekannte Lösungen auf zumeist bekannte Probleme anwendet; und Arbeit, die kreativ und ergebnisoffen nach neuen Lösungen sucht. Zu schematischen Tätigkeiten gehört heute der größte Teil des Email-Verkehrs und ein großer Teil der EDV; zur schöpferischen, adaptiven Arbeit zählt alles, was Empathie, Kreativität und allgemein den Umgang mit Ungewissheit erfordert: das Entwickeln von Strategien, unerwartete Kundenprobleme lösen, Produkte gestalten, Werbekonzepte entwerfen usf.

 

Kreative Arbeit nehmen wir aufgrund ihrer Ergebnisoffenheit eher mit nachhause als schematische. Dort kann sie erstens teils zu Überlastung durch Überstunden führen und, zweitens, zu unsichtbaren Leistungen – also zu Arbeiten, die niemand sieht und anerkennt. Oft kommen wir auf neue, entscheidende Ideen erst nach dem offiziellen Feierabend – auf dem Heimweg, mit den Kindern im Park – und oft verarbeiten wir unsere Einfälle gleich: Cloud und Handy helfen dabei.

 

Dabei ist völliges Abschalten bei kreativen Arbeiten oft auch kontraproduktiv. Lösungen für ergebnisoffene Probleme brauchen oft eine Inkubationszeit. In dieser entwickeln sich unbewusst Ideen – unser Hirn arbeitet im Hintergrund weiter und präsentiert uns unvermittelt seine Ergebnisse. Diese unbewusste Arbeit lässt sich aufgrund ihrer dynamischen Natur schwer „balancieren“ mit einer klar von ihr getrennten Freizeit. Wer hier also auf einer Trennung oder einer Balance von Arbeit und Freizeit beharrt, ignoriert, wie kreative Problemlösung funktioniert.

 

Was können wir nun praktisch unternehmen gegen unsichtbare Überstunden einerseits und andererseits gegen die Übergriffe der Kreativarbeit auf unser Privatleben?

Präsenzarbeit reduzieren, Inkubationsarbeit anerkennen

 

Die Nachteile unsichtbarer Leistungen lassen sich verringern, indem man sie als Arbeitszeit anerkennt. Dafür sollte die Präsensarbeitszeit, von der wöchentlich im Schnitt ohnehin 10 Stunden mit Prokrastination verbracht werden, stark reduziert werden. Da kreative bzw. ergebnisoffene geistige Arbeit zudem längere Ruhephasen braucht – sowohl zur Inkubation wie zur praktisch oft unterschätzten Erholung -, und da wir ohnehin nur maximal fünf Stunden am Tag konzentriert arbeiten können [2], ergibt eine 40-Stunden-Woche Präsenzarbeit für Wissensarbeiter wenig Sinn. Konsequent wäre hier etwa ein Modell aus 25 Präsenz- und 15 Stunden Inkubationsarbeit.

 

Eingeschränkt wird ein solcher Vorschlag freilich durch die gegenwärtige Arbeitspraxis und die noch bestehende Notwendigkeit, auch als Wissensarbeiterin einen großen Teil des Arbeitstags mit schematischer Arbeiten zu verbringen. Da dies aber auf einem Markt, der beständige Innovation und Dynamik erfordert, zunehmend eine Verschwendung wertvoller Kapazitäten darstellt und technologisch der Trend zur Automatisierung schematischer geistiger Arbeit geht (Bots für den Email-Verkehr usf.), dürfte ein besserer Umgang mit unseren kreativen Fähigkeiten durch kürzere Präsenzarbeitszeiten nur eine Frage der Zeit sein.

Smart Work

 

Und schließlich stellt sich die Frage, wie kreative, d. h. inkubative Arbeit so in den Tag integriert werden kann, dass wir uns angemessen erholen, freie Zeit genießen und ganz bei der Familie und unseren Freunden sein können. Das heißt: Wie vermeiden wir geistige Überlastung durch unbewusstes Multitasking und ständiges Mindwandering [3] in der präsenzarbeitsfreien Zeit? – Die gute Nachricht: Hierfür müssen wir nicht auf die Zukunft warten. Es existieren bereits durch Forschung belegte und erprobte Praktiken, um produktiv, erholt und zufrieden, kurz: um smart zu arbeiten.

 

Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit stellt sich so nicht als Balance von Hälften dar, sondern als Integration verschiedener Bereiche, die aus demselben Energiereservoir schöpfen. Wie wir dieses neue Zusammenspiel nennen – Unity, Blending oder Integration – ist letztlich ohne Belang. Was zählt, ist, wie wir darauf reagieren: mit einer besseren Anerkennung von Inkubationsarbeit und mit smarteren Arbeitstechniken.

[1] Streng genommen ist „Freizeit“ ein irreführender Begriff. Denn sie besteht, den Schlaf einmal ausgeklammert, zu einem beträchtlichen Teil aus unbezahlter Arbeit (Haushalt, Familie, Verwaltung). Im deutschen Durchschnitt sind das 25 Stunden pro Woche. Bei Frauen ist diese Zahl im Schnitt beträchtlich höher als bei Männern.

 

[2] Das hat die Forschung seit Tesch-Römers Pionierstudie von 1993 belegt und lässt sich am Verhalten der weitaus meisten Kreativen erkennen.

 

[3] Ungefähr die Hälfte unseres Tages „wandert“ unser Hirn normalerweise, d. h. wir haben keine aktive Kontrolle über unser Denken.

 

Images: Balance Scale mid-19th century | Thomas Eakins mixed with Zhang Daqian, via The Met | Commons

Wie können wir zusammenarbeiten?

JANETT – 0176 83228871

BERLIN ALLEY
Agency for Smart Work

 

Wöhlertstraße 8
10115 Berlin
+49 177 4621202
smart@berlin-alley.com
JANETT – 0176 83228871

BERLIN ALLEY
Agency for Smart Work

 

Wöhlertstraße 8
10115 Berlin
+49 177 4621202
smart@berlin-alley.com